Rafik Schami erzählt eine Geschichte für Kinder

Der kleine Lügner

Wenn Said sprach, kamen nur Lügen aus seinem Mund. Seine Mutter sagte, das sei zwar bei ihm immer so gewesen, aber sie finde das, was er erzähle, nie langweilig.
Sein Vater sagte nichts mehr. Er wurde zornig, wenn Said zu erzählen begann und die Leute dann ununterbrochen lachten.
Und wirklich log Said den Himmel wolkig.
In seinen Geschichten nahmen in Arabien Katzen vor winzigen Mäusen Reißaus.
In Amerika fuhren die Autos auf zwei Rädern.
Aus einem Automaten in Kanada kamen Lutscher so groß wie eine Bratpfanne.
Und auf Honolulu backten Bäcker eine Nusstorte so groß wie ein Fußballstadion.
Als er von der Torte erzählte, wollte ein Nachbar ihn aufziehen: "Woher weißt du das denn? Warst du etwa auch zu dieser Nusstorte eingeladen?"
"Ja, und hier hab ich noch ein kleines Stück davon", erwiderte Said frech, zog eine Papiertüte aus der Tasche und warf sie dem Nachbarn zu. Und wirklich war ein altes Stück Nusstorte in der Tüte, und nun lachten die Leute den Nachbar und nicht Said aus.
"Ja, der Said", sagten alle, wenn sie irgendetwas von ihm wiedergaben - und sei es nur die Uhrzeit.
"Bald", erzählte er eines Tages, "wird es Bonbons vom Himmel regnen und die Kinder werden danach Durchfall bekommen." Die Kinder schlürften beim Zuhören geräuschvoll ihren Speichel, aber die Erwachsenen misstrauten den Worten. "Bisher sind nur schlechte Sachen vom Himmel gefallen, nämlich Bomben und keine Bonbons", jammerte einer der Männer. Er musste es wissen, er war über siebzig Jahre alt und hatte drei Kriege überlebt.
Und ob man es glaubt oder nicht, eines schönen Sommertages flogen kleine, einmotorige Flugzeuge über die Stadt und warfen jede Menge Bonbons ab. Es war eine Werbeaktion für Staubsauger. Die Kinder stopften gierig die Bonbons in sich hinein und danach bekamen viele von ihnen Durchfall. Nur ein paar Nachbarn konnten sich erinnern, dass Said es vorausgesagt hatte. Als sie ihn deswegen lobten, schien er sich darüber nicht besonders zu freuen. "Ich hab's eben gewusst", sagte er fast unbeteiligt.
Und diese Nachbarn waren es auch, die ihm zuerst glaubten, als er eines Tages eine unglaubliche Lüge aus seiner Lügenkammer zog.
Ausgerechnet den verödeten Platz am Stadtrand hatte Said sich zum Ort seiner Lüge ausgewählt. Dorthin hatte er die Nachbarn gezerrt und erzählte, dass auf diesem großen Platz, wo im Sommer der heiße Staub nur so wirbelte und der im Winter nur Schlamm und Dreck war, etwas Großes entstehen würde.
"Hier", rief er und hob die Hand, um die riesige Größe anzudeuten, "wird ein Palast stehen, ein Theater mit gewaltigem Eingang. Drinnen wird man in Samtsesseln sitzen und Schauspiel und Musik erleben, wie wir sie noch nie gesehen oder gehört haben. Die besten Schauspieler und weltberühmte Musiker werden sich hier die Klinke in die Hand geben, und um das Theater herum wird eine neue Stadt entstehen, eine Vergnügungsstadt."
"Wenn das so ist, dann werden die Leute etwas zu essen brauchen, also wär ein Restaurant nicht schlecht", sagte der eine Nachbar und eröffnete ein Restaurant am Rande des staubigen Platzes. Ein anderer eröffnete ein Café, der dritte einen Souvenirladen, der vierte ein Haushaltsgeschäft, der fünfte einen Frisiersalon und der sechste ein Schuhgeschäft. So gesellten sich ihre Läden zu den anderen, und immer mehr Leute kamen aus reiner Neugier zu diesem Platz. Da die Geschäftsinhaber langsam zweifelten, ob sich Saids Geschichte jemals bewahrheitete, waren sie zu den Kunden noch freundlicher, damit sie wieder zu ihnen kommen würden, und schnell waren die Händler und Handwerker dieses Platzes für ihre außergewöhnliche Freundlichkeit bekannt. Kleine Buden und Kioske säumten die Straßen und Gassen, die nun auf dem gewaltigen Gelände entstanden. Bloß ein großer Acker im Norden blieb eingezäunt und wurde nur noch "Saids Theater" genannt. Schon bald hatte man vergessen, weshalb man sich überhaupt hier angesiedelt hatte, und der Platz wurde zum beliebtesten Ort der Stadt.
Aber eines Tages rumpelten plötzlich Bagger und Lastwagen und Bulldozer auf diesen Acker. Hunderte von Arbeitern schufteten rund um die Uhr und bauten in Windeseile ein riesiges Haus.
Zuerst sagte man, es solle ein Parkhaus werden, allerdings sah die Fassade mit den gewaltigen Säulen aus Marmor nicht gerade danach aus. Und urplötzlich stand ein Schild da: Das Staatstheater sollte binnen eines Monats seine erste Vorstellung geben, ein weltberühmter Komponist habe eigens für die Eröffnung des Theaters eine Sinfonie komponiert.
Die Zeit verging wie im Flug. Auf zig anderen kleineren Baustellen bemühte man sich, noch vor dem großen Ereignis, vor der Eröffnung des Theaters, fertig zu werden: Hotels, Bars, ein Krankenhaus, eine Schule, ein Kindergarten, ein Sportplatz und zwei kleine Kinos, Taxistände und Bushaltestellen wurden eine Woche vor dem Theater in Betrieb genommen. Eine prächtige Allee, die vom Ufer des Flusses zum Theater führte, verwandelte den Platz in einen Ort des Müßiggangs. Und sosehr sich der Bürgermeister auch anstrengte, den Leuten klarzumachen, dass das Theater "Staatstheater" heiße, sie konnten sich mit dem Namen nicht anfreunden. Alle sprachen immer weiter von "Saids Theater". Auch auf den vielen Schildern und Wegweisern stand in großen Buchstaben das Wort STAATSTHEATER. Aber die Leute lasen es und vergaßen es schnell, und wenn ein Fremder nach dem Staatstheater fragte, so antworteten sie: "Ach, Sie meinen Saids Theater, klar, das liegt am Platz. Sie können es nicht übersehen. Es ist das Gebäude mit dem großen Eingang, der riesigen Treppe und den hellen Marmorsäulen."
Said half seinem Vater in der Konditorei, trug die Bestellungen aus und sparte jeden Piaster vom Trinkgeld.
Am Tag der Eröffnung zog er sich fein an und ging erhobenen Hauptes zum Theater. Er wusste, wie viel eine Karte in der Loge kostet.
Als er aber das Geld am Schalter zählte und gelassen eine Karte verlangte, sagte der Mann am Schalter: "Es tut mir Leid. Wir sind seit Tagen ausverkauft!"
Traurig schaute Said den Mann an. "Aber ich habe euch erfunden", flüsterte er und ging davon. Der Kartenverkäufer verstand nicht, was der Junge meinte, und schüttelte nur den Kopf.
Draußen schaute Said sich die bunten Lichter der Fassade an und war sicher, dass sie viel schöner waren, als er es sich je vorgestellt hatte.
Der Andrang war derart gewaltig, dass die Theaterdirektion aus Angst vor dem Unmut der enttäuschten Menschen, die keine Karte mehr bekommen hatten, beschloss, Lautsprecher aufzustellen, die die Musik nach draußen übertrugen.
Und es dauerte nicht lange, da war der große Platz gerammelt voll.
Unter klarem Sternenhimmel feierten und lachten die Leute die ganze Nacht.
Keiner aber kümmerte sich um Said, der allein am Rand saß, der Musik lauschte, die Tanzenden beobachtete und immer wieder "Unglaublich" flüsterte.


© Rafik Schami