Rafik Schami erzählt Geschichten für Erwachsene

Das zukünftige Buch

Manfred ist einer der besten Computerexperten in diesem Land. "Das Buch der Zukunft", sagte er mir beim letzten Besuch, "wird traumhaft sein. Es wird das Lesen revolutionieren. Es wird das atmosphärische Lesen ermöglichen", schwärmte er, "und das ohne lästiges Volumen, ohne Regale, ohne Zerstörung der Wälder. Es wird papierlos sein. Ein Rechteck so groß wie die Handfläche, man kauft es nur einmal und tankt es nach Belieben auf in Wissenstankstellen, sozusagen elektronischen Bibliotheken, die gegen geringe Gebühren in Sekunden jedes Buch der Welt in jeder Sprache abrufen und speichern können. Bald werden dann überall Selbstbedienungsautomaten stehen. Man schiebt dieses elektronische Buch wie eine VHS-Kassette in einen solchen Automat und tippt den gewünschten Titel ein. Der Bruchteil einer Sekunde genügt, um an das Buch heranzukommen. Das Buch kann nun getankt werden. Diese kleine elektronische Buch hat eine Kapazität von 300.000 Seiten. Man kann nach Belieben Bücher, die man gelesen hat, löschen, Zitate für jede Gelegenheit mit einem Knopfdruck speichern und jederzeit abrufen.
Zuhause dann beginnt der wichtigere Schritt des atmosphärischen Lesens. Mit "on" wird der Monitor zu einer Buchseite mit beliebig wechselbarem Schrifttyp. Auch Farbe und Zeichengröße können nach Wunsch verändert werden. Man kann vor- und rückwärts blättern. Aber das ist noch gar nichts. Streicht man mit dem Finger über die Zeile, betätigt man den sogenannten "Akustik-File". Ein Infrarotsignal wird vom Receiver empfangen und dieser betätigt den an feinste Quadrophon-Lautsprecher angeschlossenen "Sounder", der alle Geräusche des jeweiligen Abschnitts erzeugt, so daß man die Schritte, den Wind, das Summen der Insekten, einen Wasserfall, ja den ganzen Hintergrund so hört, als wandere man selbst im Roman mit. Das ist aber auch noch gar nichts. Gleichzeitig geht nämlich ein Signal vom Receiver an den "Atmosphäre-File", der über Ventilator und Sprühanlagen Temperatur, Wind, Feuchtigkeit und Geruch steuert.
Die rein akustische Atmosphäre macht absolut kein Problem. Das ist ja die Gnade des Tons. Er stirbt im Augenblick seiner Geburt. Aber nicht so der Geruch. Etwa hundert Düsen steuern die Atmosphäre so, daß sie derjenigen im Buch entspricht. Doch wie soll ein Geruch schnell wieder verschwinden? Die Situation ändert sich ja in manchen Geschichten von Zeile zu Zeile. Kannst du dir eine Verfolgungsjagd mit Schießerei vorstellen, die durch mehrere Straßen, Nachtlokale, Häuser und womöglich Parkanlagen oder Sümpfe geht? Wie gesagt, mit den neuen Computern ist es kein Problem die Atmosphäre herzustellen, doch sie verschwinden zu lassen ist bis jetzt noch nicht möglich. Den computergesteuerten Geruchschlucker gibt es zwar schon, aber das Gerät füllt ein kleines Zimmer und ist immer noch sehr teuer. Allerdings ist so etwas eine Anschaffung fürs Leben. Man kann mit dem Gerät alle unangenehmen Gerüche im Haus aufsaugen und durch andere ersetzen lassen. Und die Computer werden auch kleiner werden, was wiederum die Herstellungskosten senken wird, so daß sich bald jede Familie das atmosphärische Lesen leisten kann.
"Was heißt bald" erwiderte ich triumphierend, "ich besitze bereits eine solche Anlage. Und die kann noch mehr und ist viel umweltfreundlicher als dein Sprüh- und Schluckmonster."
Mein Freund schwieg überrascht einen Augenblick, dann lächelte er verlegen. "Willst du mich auf den Arm nehmen? Das ist gerade in Planung. Das gibt noch nicht!"
"Doch, hier", sagte ich und zeigte auf meinen Kopf.

© Rafik Schami 1993